„Wir haben uns so gut auf die Geburt vorbereitet – Geburtsplan, Atemtechniken, Kliniktasche gepackt.
Aber als wir dann mit unserem Baby zu Hause waren, fühlte ich mich plötzlich… allein.
Alle reden über den großen Moment der Geburt. Aber was ist danach?"
Diese Sätze höre ich in meiner Praxis immer wieder. Und sie treffen einen wunden Punkt:
Wir feiern die Geburt – aber wir vergessen das Ankommen.
Als Hebamme begleite ich seit 35 Jahren Familien durch Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit Baby. Und ich sehe ein Muster: Die meisten Eltern investieren unzählige Stunden in die Vorbereitung auf den Kreißsaal. Doch die Zeit danach – die ersten 6–8 Wochen, das sogenannte „vierte Trimester" – wird oft stiefmütterlich behandelt. Dabei ist genau diese Phase entscheidend für:
· das Gelingen des Stillens,
· die körperliche Erholung der Mutter,
· den Aufbau einer sicheren Bindung zum Baby,
· und den Zusammenhalt als Paar.
Die gute Nachricht
Ihr müsst in dieser Zeit nicht „funktionieren". Ihr müsst nicht sofort wieder den perfekten Haushalt führen, Besuch empfangen oder euch vergleichen. Es reicht – ja, es ist sogar wichtig – dass ihr euch auf das Wesentliche konzentriert: euch und euer Baby.
In diesem Artikel teile ich mein Hebammen-Wissen aus der Praxis, damit ihr:
- typische Fallstricke im Wochenbett vermeidet,
- konkrete Strategien an die Hand bekommt, wie ihr euch organisatorisch und emotional vorbereitet,
- und vor allem: entspannter in euer neues Familienleben startet.
Denn eines habe ich in all den Jahren gelernt: Die beste Geburt nützt wenig, wenn das Wochenbett chaotisch beginnt. Aber mit der richtigen Vorbereitung wird die erste Zeit als Familie nicht zum Überlebenskampf – sondern zu einem starken Fundament für euren gemeinsamen Weg.
Los geht's.
Meine Top 5 Fehler, die Familien im Wochenbett machen (und wie ihr sie vermeidet)
Aus meiner Praxis als Hebamme sehe ich immer wieder dieselben Muster. Diese Fehler sind menschlich – aber vermeidbar. Hier ist, was ich Familien mit auf den Weg gebe.
Fehler 1: Zu früh zu viel wollen
Das Problem: Der Haushalt muss perfekt sein, Besuch kommt schon nach 3 Tagen, und man selbst möchte „schnell wieder fit sein".
Die Hebammenperspektive: Dein Körper leistet in den ersten 6–8 Wochen Hochleistung: Rückbildung, Wundheilung, Hormonumstellung, Stillbeginn. Das ist vergleichbar mit einem Marathon – danach läuft man nicht einfach weiter.
Mein Tipp: Plant die ersten 10–14 Tage als „Schonzeit". Alles, was nicht essenziell ist (Putzen, Kochen, Sozialleben), darf warten. Delegiert, bestellt Essen, sagt freundlich „Nein" zu Besuch. Eure einzige Aufgabe: Baby, Bindung, Erholung.
Fehler 2: Stillprobleme zu lange alleine durchstehen
Das Problem: „Das muss doch irgendwie klappen" – viele Mütter leiden still, weil sie denken, Stillen sei ein Instinkt, der einfach funktioniert.
Die Hebammenperspektive: Stillen ist ein Lernprozess für Mutter und Kind. Schmerzen, wunde Brustwarzen oder Unsicherheit sind keine „Normalität", sondern Signale, dass Unterstützung gebraucht wird.
Mein Tipp: Holt euch früh Hilfe – idealerweise schon in den ersten 48 Stunden. Eine Hebamme, Stillberaterin (IBCLC) oder eine Stillgruppe kann oft mit kleinen Handgriffen große Veränderungen bewirken. Speichert euch Kontakte vor der Geburt!
Fehler 3: Eigene Bedürfnisse komplett hintanstellen
Das Problem: „Das Baby braucht mich" – ja, aber du brauchst dich auch. Viele Mütter vergessen zu essen, zu trinken oder kurz durchzuatmen.
Die Hebammenperspektive: Eine erschöpfte, ausgebrannte Mutter kann nicht gut für ihr Baby sorgen. Selbstfürsorge ist kein Egoismus, sondern Voraussetzung für gute Fürsorge.
Mein Tipp: Die „Sauerstoffmasken-Regel" aus dem Flugzeug: Zuerst deine Maske, dann die des Kindes. Trinke ein Glas Wasser, bevor du das Baby stillst. Iss einen Snack, während es schläft. Nimm 3 tiefe Atemzüge, bevor du reagierst. Kleine Pausen wirken Wunder.
Fehler 4: Keine professionelle Hilfe holen, wenn es hakt
Das Problem: Aus Scham, Unsicherheit oder dem Gefühl „anderen geht es schlechter" zögern viele, sich zu melden – bis die Situation eskaliert.
Die Hebammenperspektive: Ich habe noch nie eine Familie bereuen sehen, dass sie zu früh Hilfe geholt hat. Aber sehr wohl welche, die zu lange gewartet haben.
Mein Tipp: Definiere dir vor der Geburt rote Linien: „Wenn ich länger als 2 Stunden ununterbrochen weine, rufe ich an." „Wenn das Baby an einem Tag weniger als 4 nasse Windeln hat, melde ich mich." Und: Halte die Nummern deiner Hebamme, Ärztin und der Stillhotline griffbereit.
Fehler 5: Den Partner / die Partnerin außen vor lassen
Das Problem: Die Mutter ist „natürlich" die Hauptbezugsperson – der Partner fühlt sich unsicher, überflüssig oder wird nur als „Zubringer" eingesetzt.
Die Hebammenperspektive: Bindung entsteht nicht nur durch Stillen. Väter und nicht-stillende Partner*innen haben eine equally wichtige Rolle – und brauchen klare Aufgaben, um sich sicher zu fühlen.
Mein Tipp: Gebt dem Partner konkrete, sinnvolle Jobs: Windeln wechseln, Baby baden, Hautkontakt fördern, Besucher managen, Mahlzeiten zubereiten. Und: Nehmt euch bewusst 5 Minuten zu zweit – ohne Baby – um anzukommen als Paar.
Familien, die diese 5 Punkte vor der Geburt besprechen, starten nachweislich entspannter ins Wochenbett. Ein kurzes Gespräch jetzt spart später viele Tränen.
Checkliste – Die Wochenbett-Vorbereitung
Zum Ausdrucken, Abspeichern oder Abhaken. Diese Liste habe ich aus Jahren der Praxis entwickelt – sie deckt ab, was wirklich zählt.
Medizinische Vorsorge
· Nachsorge-Hebamme schon vor der Geburt gebucht
· Rückbildungskurs recherchiert & Platz reserviert (Wartezeiten sind lang!)
· Kinderarzt/ -ärztin ausgewählt
· Notfallnummern im Handy gespeichert: Hebamme, Ärztin, Stillhotline (z.B. 0800 44 00 77), ärztlicher Bereitschaftsdienst (116 117), Notruf (112)
· Bei Risikoschwangerschaft klären, wann ihr euch melden solltet
Still- & Ernährungsvorbereitung
· Still-BHs & Stilleinlagen besorgt
· Lanolin oder alternatives Wundpflegeprodukt griffbereit
· Kontakt einer IBCLC-Stillberaterin oder Stillgruppe notiert
· 3–5 einfache, nährstoffreiche Mahlzeiten vorgekocht & eingefroren
· Trinkflasche & gesunde Snacks für den Stillplatz vorbereitet
Haushalt & Organisation
· Einkaufsliste für die ersten 2 Wochen geschrieben (oder Online-Lieferservice eingerichtet)
· Putzhilfe organisiert (Familie, Freund*innen, professionelle Kraft)
· Besucher-Regelung mit Partner*in besprochen: Wann? Wie lange? Wer hilft mit?
· Formulierungshilfe parat: „Wir freuen uns auf Besuch – melden uns, sobald wir bereit sind!"
Mentale Vorbereitung
· Mit Partner*in über Ängste & Erwartungen gesprochen
· Warnsignale für Wochenbettdepression recherchiert & notiert
· Vertrauensperson benannt, der man alles sagen kann
· 3 kleine Selbstfürsorge-Rituale überlegt (z.B. 5 Min. Tee trinken, Fenster öffnen, Musik hören)
· Akzeptiert: Es darf chaotisch sein. Perfektion ist nicht das Ziel.
Für den Partner / die Partnerin
· Klare Aufgaben verteilt: Wer macht was? (Einkaufen, Kochen, Besuche regeln)
· Bonding-Ideen gesammelt: Hautkontakt, Tragen, Baden, Vorlesen
· Eigene Bedürfnisse nicht vergessen: Auch Väter brauchen Pause & Austausch
· Notfallplan: Was tun, wenn die Mutter Unterstützung braucht, aber nicht fragen kann?
Hebammen-Tipp: Geht diese Liste gemeinsam durch – nicht als Pflichtprogramm, sondern als Gesprächsgrundlage. Was fühlt sich für euch wichtig an? Was könnt ihr weglassen?
Mentale Gesundheit – Baby Blues vs. Wochenbettdepression
Ein Thema, das in meiner Praxis oft zu kurz kommt – dabei ist es eines der wichtigsten. Hier ist, was ich Familien mitgebe.
Der Baby Blues: Normal & vorübergehend
Was ist das?
Eine hormonell bedingte Stimmungstiefphase, die bei bis zu 80 % der Mütter in den ersten 3–10 Tagen nach der Geburt auftritt.
Typische Anzeichen:
· Plötzliche Tränen, ohne klaren Grund
· Reizbarkeit, innere Unruhe
· Gefühl der Überforderung („Schaffe ich das?")
· Leichte Schlafstörungen (auch wenn das Baby schläft)
Das hilft:
· Wissen, dass es normal ist & vorbei geht
· Reden: Mit Partner*in, Hebamme, Freundin
· Schlaf nachholen, wann immer möglich
· Keine großen Entscheidungen treffen in dieser Zeit
Aus meiner Praxis: Ich sage den Müttern oft: „Der Baby Blues ist wie ein Gewitter – es zieht vorbei. Halte dich fest, atme durch, und warte ab."
Die Wochenbettdepression (postpartale Depression): Wenn Hilfe gebraucht wird
Wann wird es ernst?
Wenn die Symptome länger als 2 Wochen anhalten, stärker werden oder folgende Warnsignale dazukommen:
Achte auf diese Signale
· Anhaltende Hoffnungslosigkeit oder Leere
· Starke Ängste (ums Baby, um sich selbst)
· Gefühle der Entfremdung zum Baby („Das ist nicht meins")
· Schuldgefühle, Versagensängste
· Gedanken, sich oder dem Baby zu schaden (Sofort Hilfe holen!)
· Körperliche Symptome ohne medizinische Ursache (Kopfschmerzen, Herzrasen)
Das ist wichtig zu wissen
· Eine Wochenbettdepression ist keine Charakterschwäche.
· Sie betrifft auch Väter & nicht-biologische Eltern (ca. 10 %).
· Sie ist gut behandelbar – je früher, desto besser.
Mein Handlungsfahrplan für Familien
Vorbeugen (schon in der Schwangerschaft)
· Sprecht über Ängste & Erwartungen
· Sammelt Kontakte: Hebamme, Therapeut*in, Selbsthilfegruppen, Telefonseelsorge (0800 111 0 111)
· Plant Puffer ein: Wer übernimmt, wenn es dir schlecht geht?
Früh erkennen
· Führe ein kurzes „Stimmungs-Check-in" mit dir selbst: „Wie fühle ich mich heute auf einer Skala von 1–10?"
· Bitte deine Vertrauensperson, ehrlich nachzufragen: „Wie geht's dir wirklich?"
Handeln
· Bei leichten Symptomen: Hebamme oder Hausarzt ansprechen
· Bei stärkeren Symptomen: Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapeutin mit Perinatal-Schwerpunkt kontaktieren
· Im Akutfall (Suizidgedanken): Sofort 112 wählen oder in die nächste Klinik fahren
Unterstützen als Partner*in
· Zuhören, ohne zu bewerten („Das wird schon" hilft nicht)
· Praktisch entlasten: Baby übernehmen, Haushalt machen, Termine organisieren
· Ermutigen, Hilfe anzunehmen – und ggf. den ersten Anruf übernehmen
Aus meiner Praxis: Ich habe noch keine Familie erlebt, die es bereut hat, früh Hilfe zu holen. Aber viele, die zu lange gewartet haben. Deine mentale Gesundheit ist genauso wichtig wie die deines Babys.
Wichtige Anlaufstellen (Deutschland)
· Still- & Elternhotline: 0800 44 00 77 (kostenlos)
· Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (24/7, anonym)
· Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117
· Notfall: 112
· Online-Beratung: nummergegenkummer.de (auch für Eltern)
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